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„Nun danket alles Gott“

Rekordverdächtige Besucherzahl bei Heimatfreunde-"Halbe nach Sieben"
Von Ira Betz

Aus der Rhein- Neckar- Zeitung vom 2.1. 2008

Eppingen. (ibe) Schneller als das Brezelbacken ging es, dass sich der Kleinbrückentorplatz mit mehr als zweihundert Menschen füllte. Zur "Halbe nach Sieben" zog es trotz nasskalter Witterung vermutlich noch mehr Besucher als in den letzten Jahren in die engen Gassen der Altstadt - Neujahrsbrezel inklusive.

"Wir haben mal drei Körbe backen lassen", ließ Reinhard Ihle seinen Blick über die unzähligen Köpfe schweifen und lud zu Glühwein am alten Rathausplatz ein, wo es nicht mehr zu dem traditionellen Hefestück reichte.

Ein Novum in der Geschichte der Stadtführungen boten Bild-Projektionen an der Hauswand gegenüber des privaten kulturhistorischen Museums von Reinhold Sack und am Spechtschen Haus beim Alten  Rathausplatz. Fotos von den Heimattagen und Bilder aus dem Archiv Elisabeth Dörrs aus den 30er Jahren zeigten Brüche und Kontinuitäten im Erscheinungsbild der Altstadt und ihrer Menschen.

"Nachtwächter" Lothar Auchter leuchtete mit der Nachtlaterne heim und hatte vorsorglich auch die Hellebarde mit dabei. Gut, dass er an jedem Treffpunkt, einige Male in sein Horn stieß, denn in den dunklen und steilen Winkeln des Linsenviertels konnte man sich schon mal aus den Augen  verlieren.

"Matsch, Sumpf, Dreck und überall Gegenstände" hätte es in früherer Zeit schon notwendig gemacht, Gäste nach einem Besuch mit der Laterne heim zu geleiten, erklärte Ihle. Der Nachtwächter lebte gefährlich, sein Beruf wurde aber von vielen nicht anerkannt. Er hatte die Aufgabe, vor Feuer und Diebstahl zu schützen. Auf dem Weg in die Altstadtstraße zeigte Auchter an der Ecke  Kettengasse/ Mühlkanal, wie ein Brand am Haus von Franz und Karoline Pfau am Anfang des letzten Jahrhunderts schnell auf andere Gebäude übergreifen konnte.

"Hört, ihr Herrn und lasst euch sagen, unsre Glock hat zwölf geschlagen", schmetterte Lothar Auchter kraftvoll und klar das traditionelle Nachtwächterlied von der Treppe der Alten Uni. Dass Eppingen in der Anschaffung von öffentlicher Straßenbeleuchtung offensichtlich zu den Spätzündern unter den Städten gehörte,  schilderte Reinhard Ihle. Erst 1920 hatten elektrische Straßenlaternen Einzug gehalten. Zuvor hatte von nachts um zehn bis zum ersten Hahnenschrei um vier Uhr der Nachtwächter in der Dunkelheit seinen Dienst verrichten müssen. Viel Schlaf hat ein Nachtwächter wohl nicht gehabt.

"Ich will nicht sterben, sondern leben und die Werke des Herrn verkündigen" - dieser Satz aus dem Jahr 1583 steht noch heute an einer Innenwand im Baumannsehen Haus zu lesen. Die Familie Glünz, die das  Haus restaurierte, hat die Bemalung aus der Renaissance-Zeit· freigelegt. Mehr als hundert Jahre hat die Familie Baumann dort gewohnt - zuletzt der Maurer Johannes Baumann, nach dem das prachtvolle Gebäude benannt ist. Von 1934 bis zum Kriegsende war dort eine Jugendherberge eingerichtet. Die frühere Wohngegend der Ärmsten in Eppingen begann gleich dahinter im Linsenviertel. Kontraste mit romantischen Gässchen, hineingerissenen Baulücken und sanierten Häusern vermitteln eine wechselvolle Bau-  und Besitzgeschichte, die auch den Wandel im städtebaulichen Denken veranschaulicht. Kurioses gab Ihle vor der katholischen Stadtpfarrkirche bekannt. So sei vor genau hundert Jahren zum 1. Januar 1908 das Schwefelholz-Verbot in Kraft getreten, und am dritten und vierten Advent des Jahres 1907 habe es in den Läden bereits einen verkaufsoffenen Sonntag gegeben, an dem die Läden bis 18 Uhr öffneten.

Wie an Silvester vor hundert Jahren, a1s die Stadtkapelle spielte, sangen die Besucher am Ende des Altstadtrundgangs 2007 "Nun danket alle Gott".

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